Weise Worte aus 2016

Über Durchschnittlichkeit, Mini-Erleuchtungen und Mentoren und über die Sätze, die mein Jahr 2016 grundlegend geprägt haben

Weise Worte aus 2016

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die Situation, an diesen Moment, den ich vielleicht rückblickend als Mini-Erleuchtung bezeichnen möchte.
Es war im Januar 2016. Die Depressionen hatten mich fest im Griff. Meine Tage waren geprägt vom Durchhalten, Funktionieren und sich-Zusammen-reißen. Ich schaffte es auf dem späten Weg in den Feierabend zumindest noch, meine Tränen so lange in mir zu halten, bis sich die Wohnungtür hinter mir schloss. Ich litt unter regelmäßigen Panikattacken und war mit mir und meinem Leben so derartig unglücklich, dass ich jeden Abend einschlief und hoffte, dass mir das Aufwachen am nächsten Tag erspart bleiben würde.

Und dann saß ich eines Tages in meinem grauen Büro, an einem grauen Schreibtisch, blickte auf einen grauen Innenhof überlegte mir, mit welcher Kraft ich den Tag überstehen sollte.

Von der vorgeschriebenen Arbeitszeit im Büro verbrachte ich fast 80 % nur noch damit, selbige totzuschlagen. Für alles andere hatte ich kaum noch Motivation oder Energie. Ich scrollte mich wie ein nasser Sack durch diverse soziale Netzwerke und stolperte hier über eines dieser Sprüchebildchen, deren abgedroschene Kalenderweisheiten mir meist nur ein müdes Zucken in der linken Augenbraue entlocken können. Doch bei diesem war es anders. Dieser Satz traf irgendeinen Nerv in mir:

„Du wirst zum Durchschnitt der 5 Menschen, mit denen Du die meiste Zeit verbringst.“
(Jim Rohn)

Ich blickte mich um.
Ich will den Arbeitskollegen, mit denen ich mich zu diesem Zeitpunkt umgab, an dieser Stelle auf keinen Fall zu nahe treten. Aber, ja, mit ihnen verbrachte ich verdammt viel Zeit. Mehr Zeit als mit meinem Partner, mit meinen Freunden, mit meiner Familie. Alleine diese Erkenntnis traf mich schon enorm.
Doch als ich mir ihr Verhalten näher ansah, spürte ich, warum es mir mit jedem Tag in diesem Büro schlechter und schlechter ging:
Ich verbrachte die meiste Zeit mit Menschen bei denen es auch nur darum ging, durchzuhalten und auszuhalten.

„Ich bin schon viel zu lange hier. Ich muss hier weg, denn ansonsten werd ich irgendwann wie ihr!“
(Kraftklub)

Jeder zählte schon am Montag die Tage bis zum Wochenende. Jeder meckerte über den Chef aber kaum einer machte den Mund auf. Ab und zu sagte mal einer, dass man ja froh sein müsse, wenn man heutzutage noch einen Job hat. Mit dem gesetzlichen Mindesturlaub gaben sie sich zufrieden, schulterzuckend nahmen sie ihr stagnierendes Gehalt hin und klopften trotzdem ihre Überstunden. Andere wiederum waren derartig karrieregeil, dass sie den Eindruck erweckten, sie würden für eine Beförderung auch lachend eine handvoll kleine süße Kätzchen anzünden und in Benzin ertränken. Begrenzt fähige Vorgesetzte verbreiteten nicht nur unklare Arbeitsanweisungen sondern auch giftige Stimmung und Angst. Ab und zu verließ jemand mal weinend das Büro. Manche kamen danach nicht mehr wieder.

Wie darf ich mir den Durchschnitt aus solchen Leuten vorstellen? Das Ergebnis dürfte an Frankensteins Monster erinnern, dass zitternd und verängstig von gelegentlichen Gefühlsausbrüchen überwältigt und gelähmt in einer Ecke kauert. Ja, das kommt hin. So ungefähr fühlte ich mich. Und so wollte ich mich nicht fühlen. Ich wollte nicht akzeptieren, was mich so unglücklich machte.

“Dein Leben wird sich erst verändern, wenn Du etwas veränderst, das Du jeden Tag tust.”
(John C. Maxwell)

Ich denke, dass wir viel zu oft den Einfluss unterschätzen, den unser Umfeld und unsere täglichen Routinen unmittelbar auf uns haben. Und damit meine ich nicht nur unser Arbeitsumfeld. Jedes Facebookposting das wir lesen. Jede Nachrichtensendung die wir verfolgen. Jede Gewohnheit, der wir tagtäglich nachgehen. Jedes Buch, das wir lesen. Alles beeinflusst die Art und Weise, wie wir die Welt und uns selber sehen. Wir alle sind nur der Durchschnitt all dieser Dinge.

Ich begann, mir einen neuen Durchschnitt zu suchen.
Ich lernte Menschen kennen, die erfolgreich gegen Burn-Out und Depressionen kämpften und ihr Glück in die Hand nahmen, anstatt lethargisch und schulterzuckend ihr Leben auszuhalten. Ich begegnete Leuten, die den Mut hatten, ihren Job zu kündigen und auf Reisen zu gehen. Ich las Blogs und Bücher, schaute Videos und hörte Podcasts von den Menschen, die ich in meinem Durchschnitt haben wollte: Connie Biesalski, Suzanne Frankenfeld, Carina Herrmann
Sie alle wurden zu meinen Mentoren.

„Wenn Du merkst, dass Du der klügste Mensch in einem Raum bist, geht raus.“

Ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt, aber was auf den ersten Blick arrogant und überheblich klingt ist eine ganz klare Anleitung zum Glücklichsein: umgebe Dich immer mit Menschen, von denen Du etwas lernen kannst. Denn zu lernen bedeutet auch, zu wachsen, sich zu entwickeln. Lernen ist immer Bewegung nach oben und nach vorn. Indem wir uns mit Menschen umgeben, von denen wir lernen können, heben wir unseren eigenen Durchschnitt ins Überdurchschnittliche.

Ich lernte, offen über meine Depressionen zu sprechen. Ich lernte, mutig zu sein und beendete meine mich traurig- und krankmachende Festanstellung und kehrte nicht mehr in mein graues Büro zurück. Stattdessen stieg ich in ein Flugzeug und bereiste im australischen Winter die Küste von Queensland und New South Wales. Ich nahm mir eine Auszeit, begann eine Therapie, lernte dort über mich selbst. Ich knüpfte neue Kontakte und begann mein Geld von nun an als ortsunabhängige Freelancerin zu verdienen.

Mit wem ich heute die meiste Zeit verbringe?
Meine erste Antwort auf diese Frage ist ein Lächeln.
Meine zweite: mit meinem Partner, meinen Freunden, meiner Familie.
Meine dritte: mit Kunden, Kollegen und Kooperationspartnern, die meine Art zu leben und zu arbeiten verstehen und respektieren. Denn von vielen von ihnen habe ich diese Art, zu arbeiten in den letzten Monaten erst gelernt.

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“
(Theodor W. Adorno)

Aus meiner beruflichen Situation auszusteigen war kein allheilendes Wundermittel, das mein Leben von heute auf morgen in eine glitzernde Seifenblase verwandelt hat. Ganz im Gegenteil. Ich gehe immer noch durch eine ganze Menge tränenreicher Täler, konfrontiere mich mit Ängsten und Sorgen und habe noch immer eine Menge Arbeit vor mir.

Aber eines ist nun gewiss: Ich tue das Richtige und umgebe mich mit Menschen und Gewohnheiten, die mir auf diesem Weg helfen. Und diese Tatsache macht mich sehr glücklich.

Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch, wir sehen uns im nächsten Jahr!

5 Comments

  1. 🙂 Es wird jeden Tag besser werden! Ich konnte viele Worte so nachvollziehen, die Beschreibung Deines tristen Jobs besonders … ich rekapituliere meine Geschichte auch gerade nochmal, weil ich an einem Buch schreibe. Auszusteigen war die beste Entscheidung, die ich fällen konnte. 2017 wird wunderbar!

    Alles Liebe!

    • Ich bin so froh, den Mut zu dem Ausstieg gefunden zu haben, es war die beste Entscheidung seit langem! Ich bin froh, so viele Menschen – real und virtuell – um mich zu haben, die mich in dieser Entscheidung bestärken und inspirieren. 🙂

  2. Großartiger Artikel! Danke, Danny. Du hast meinen vollen Respekt für diesen Schritt. Echt. Tut gut, sowas zu lesen. Ich bin derzeit auch dabei, alles Negative so gut es geht abzuschalten, um „meinen Durchschnitt etwas anzuheben“. Du bist auf jeden Fall eine von denen, die ich als positive Inspiration ganz oben dabei behalte. 🙂

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