Stellenanzeigen-Bullshit-Bingo – 5 Formulierungen und Begriffe, bei denen Du eine Stellenanzeige lieber ignorieren solltest

Stellenanzeigen-Bullshit-Bingo
Stellenanzeigen-Bullshit-Bingo – 5 Formulierungen und Begriffe, bei denen Du eine Stellenanzeige lieber ignorieren solltest

Obwohl ich im Mai 2016 relativ planlos und gesundheitlich lädiert in meine berufliche Auszeit gestartet bin, bedeutet das keinesfalls, dass ich mich seitdem in Bezug auf mein Arbeitsleben in ein dunkles Erdloch verkrochen habe. Denn so schön es für mich ist, nun erstmal mein Wohlergehen und eigene, persönliche Projekte in den Fokus rücken zu können, so klar ist auch die Gewissheit, dass eine neue Perspektive her muss.

In den letzten Jahren, in denen ich im Bereich Grafikdesign und Projektmanagement festangestellt war, hat mir meine Arbeit immer viel Spaß gemacht. Ich liebe die Kombination aus kreativer und organisatorischer Tätigkeit und – ja! – sie fehlt mir mittlerweile sogar. Denn ich habe meinen Job keinesfalls verlassen, weil mir das, was ich den ganzen Tag lang getan habe, keine Freude mehr bereitet hat. Sondern ich bin gegangen, weil es im Arbeitsalltag und in den meisten Betriebskulturen Strukturen, Vorschriften und Gewohnheiten gibt, die mich auf Dauer wirklich zermürbt und krank gemacht haben. So krank, dass ich zum Schluss kaum noch in der Lage war, zu arbeiten und meine selbstgewählte Pause alternativlos wurde.

Für die Zukunft gilt es nun für mich zu verhindern, wieder in ähnliche quälende Strukturen zu geraten. Ich möchte mich nicht mehr in Jobs wiederfinden, die ich ausschließlich unter Einsatz meines körperlichen und psychischen Wohlergehens ausüben kann. Ich und meine Arbeit möchten respektvoll und wertschätzend behandelt werden. Ich möchte mich mit meinen Aufgaben wohlfühlen. Ich möchte selbstbestimmt arbeiten und meine Arbeit als etwas wahrnehmen, das mein Leben im Wert bereichert und nicht mindert. Und ich möchte dort arbeiten, wo man authentisch und ehrlich miteinander umgeht und sich nicht hinter leeren Worthülsen und Bullshit-Bingo-Begriffen versteckt.

Nach wie vor durchkämme ich nahezu täglich mit einer Mischung aus Interesse, Faszination und Ekel die kleinen und großen Jobbörsen. Ich lese Stellenangebote von Start-Ups und großen Unternehmen. Und ich stoße immer wieder auf Formulierungen und Worte, die in mir Fragen aufwerfen und mich ein wenig skeptisch zurückschrecken lassen.

Wenn ich also einen oder mehrere der nachfolgenden Begriffe in einer Stellenanzeige finde, überlege ich mir lieber zweimal, ob ich dort wirklich arbeiten möchte:

1. „…eine neue Herausforderung“

Nein. Jetzt mal ehrlich: ich suche keine neue Herausforderung.

Ich bin mitte 30, habe mehrere Aus- und Weiterbildungen hinter mir und einen großen Stapel an Berufserfahrung. Ich weiß, was ich kann und das kann ich gut.
Klingt arrogant? Ist aber so.
Ich habe als Grafikdesignerin, Fotografin und Projektmanagerin gearbeitet. Als Festangestellte und als Freelancerin. Ich habe eine Marketingabteilung geleitet und Pakete im Lager zugeklebt. Ich bin Gabelstapler gefahren und ich weiß, wie man als Servicekraft im Restaurant mit zwei Händen einen kompletten Sechser-Tisch abräumt. Ich habe eine Ausbildung zur Kauffrau und zur Yogalehrerin gemacht, ein Jahr lang täglich mehr als 25 Kinder in einer KiTa gehütet, mir Sprachen und Instrumente selber beigebracht, und ja, ich lerne wirklich gerne. Immer noch und jeden Tag.

Aber ich brauche keine Herausforderungen.
Ich brauche Aufgaben, die mir Freude bereiten und einen Job, der mir Platz und Zeit zum Wachsen und Lernen gibt.

Der Duden nennt als Synonyme für das Wort „Herausforderung“ u.a. folgende Begriffe:
Brüskierung, Kampfansage, Affront, Provokation, Problem, Schwierigkeit.
An einem Kampf, einem Problem, einer Schwierigkeit kann man scheitern. Ich möchte in meinem Job nicht scheitern. Ich möchte ihn mit Freude machen und ihn nicht als Brüskierung oder Kampfansage wahrnehmen.
Noch schönere und inspirierendere Worte zu diesem Thema gibt es bei Content is a Queen

2. „Belastbarkeit“

Dass dieses Wort überhaupt in Stellenanzeigen auftaucht, ist mir ein Rätsel.
Der suchende Betrieb könnte sich selbst und die angebotene Stelle kaum in ein schlechteres Licht rücken als mit dieser Soft-Skill-Anforderung an seine zukünftigen Mitarbeiter:
Ich würde meine Tätigkeit dort also regelmäßig als Belastung empfinden?

Und wie zum Teufel meinen die das?
Muss ich zeitlich belastbar sein, weil jeden Tag Überstunden (aufgrund von chronischer Unterbesetzung, schlechter Organisation oder unklaren Arbeitsanweisungen) angeordnet werden?
Werde ich psychisch belastet? Durch mobbende Chefs und Kollegen und durch ein giftiges Arbeitsklima?
Oder bedeutet es gar, dass sich hier die Mitarbeiter auch mit Erkältung und Grippe medikamentös betäubt und virenschleudernd an ihre Schreibtische setzen, weil jede Krankmeldung sofort als Störung des Betriebsfriedens angesehen wird?

Wie man es dreht und wendet, diese Formulierung lässt auf ein leistungsorientiertes und ellenbogengeprägtes Arbeitsklima schließen, in dem man schnell zwischen die Mühlsteine gerät, wenn man nicht jeden Tag 120 % gibt und die persönlichen Bedürfnisse nicht permanent hintenanstellt.
Für mich klingt diese Formulierung nach verheizten Mitarbeitern, schlechter Organisation und einem vorprogrammierten Burn-Out.
Ähm, nee, lieber nicht…

Stellenanzeigen-Bullshit-Bingo // Belastbarkeit

Belastbarkeit? Suchen die einen Packesel?

3. „Work-Life-Balance“

Dieser Begriff ist eine Farce und eine im ersten Moment wohlklingende Worthülse ohne nennenswerten Inhalt. Arbeit und Leben lassen sich nicht voneinander trennen – wir hören während unserer Arbeit nicht auf zu leben (auch wenn es sich für viele leider genauso anfühlt.)

Ich wünsche mir eine harmonische Verschmelzung von Arbeit und Leben und kein Gegenüberstellen dieser beiden Aspekte, die man bei der Work-Life-Balance wie kampfeslustige Gegner in den Ring schickt und mal schaut, wer am Schluss die Überhand hat.
Mein Ziel ist vielmehr ein ganzheitliches Leben mit einer Arbeit, die meiner Persönlichkeit und meinen Bedürfnissen entspricht.
Klingt sozialromantisch? Ist aber so.

Und da ich ein Drittel meines Lebens mit Arbeit verbringe, ist das nicht zuviel verlangt.
Einen ausführlichen Blogpost zu diesem Unwort findest Du auf einem meiner Lieblingsblogs Free Your Work Life von der großartigen Suzanne!

4. „flache Hierarchien“

Der mittlerweile verstorbene Guido Westerwelle sagte im Mai 2001 den schönen Satz:
„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen der die Sache regelt!“
Von seiner Politik mag man halten, was man will, aber mit diesem Satz hatte er recht.

In einem Unternehmen, das sich mit den so oft gepriesenen flachen Hierarchien brüstet, besteht allerdings die Gefahr, dass es genau die Person, die die Sachen regelt, nie wirklich gibt.

Zwar hat jeder unheimlich viel zu sagen und tut das meistens auch (gerne in schier endlosen und zeitraubenden Meetings und Besprechungen), aber keiner übernimmt die Leitung und die damit verbundene Verantwortung für Projekte und Abläufe. Jeder darf so ein bisschen kicken, aber keiner sorgt dafür, dass der Ball am Ende im Tor landet.
Das Ende vom Lied sind gegenseitige Schuldzuweisungen und Sätze wie „Ich dachte, DU hättest Dich schon längst darum gekümmert!“

Mit flachen Hierarchien delegieren Führungskräfte gern Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern von sich weg.
Hier bin ich spießig: mir sind klar definierte Verantwortungsbereiche und unmissverständlich kommunizierte Aufgaben lieber als ein pseudomodernes Anarchomanagement.

5. „dynamisches Team“

Noch so eine Worthülse mit ganz viel heißer Luft und wenig drumherum.
Was bedeutet dynamisch hier? Ich habe tatsächlich in Vorstellungsgesprächen die mir gegenübersitzenden Personalverantwortlichen häufig nach ihrer Definition dieses Begriffes gefragt und nie eine wirklich zufriedenstellende Antwort erhalten.
Dass Menschen sich der Tätigkeit, der sie täglich um die 8 Stunden nachgehen, mit Lebhaftigkeit und Energie (also mit Dynamik) widmen, scheint mir so selbstverständlich zu sein, dass es eigentlich keiner Erwähnung bedürfen sollte.

Erfahrungsgemäß scheint sich die Dynamik eher auf die Fluktuation zu beziehen, die in der Belegschaft herrscht. Und eine hohe Fluktuation ist immer – wirklich IMMER – ein Zeichen für ein vergiftetes Betriebsklima.

Warum?
Wenn die Mitarbeiter zufrieden mit Job, Betriebsklima und ihren Aufgaben sind, bleiben sie auch gern. Auch länger. Auch auf verantwortungsvollen Schlüsselpositionen.

Und wenn der Chef seine Mitarbeiter gewissenhaft und den Aufgaben entsprechend aussucht, wird er auch keine Notwendigkeit sehen, sie noch schnell vor Ablauf der Probezeit wieder an die Straße zu stellen.

Und wenn ein mittelständisches Unternehmen zukunftsorientiert plant und langfristiger denkt als von der Wand bis zur Tapete, dann stellt es guten und loyalen Mitarbeitern eben nicht nur befristete Verträge aus, die nach einem Jahr kommentarlos auslaufen.

Gute Mitarbeiter sind das Rückgrat eines Unternehmens. Ein gutes Team ist Gold wert und wenn dieses zusammengestellt ist, sollte ein Unternehmen alles daran setzen, Kontinuität und Beständigkeit in dieses Team zu bringen. Dynamik klingt zwar gut, ist aber nicht immer der Sache förderlich.

Mein Fazit:
Ich wünsche mir in unserer Arbeitswelt weniger Dampfplauderei mit wohlklingenden Begriffen aus Manager-Magazinen sondern mehr Aufrichtigkeit, Transparenz und Ehrlichkeit. Man sollte sich in Bewerbungsgesprächen nicht „verkaufen“ sondern vorstellen und kennenlernen. Zum Schluss profitieren beide Seiten davon.

Diese fünf Punkte basieren auf den Erfahrungen und Beobachtungen, die ich im Laufe meines Joblebens gemacht habe.
Wie sehen Deine aus? Gibt es Formulierungen in Stellenanzeigen und Bewerbungen, bei denen sich Deine Nackenhaare sträuben?

2 Comments

  1. Jana

    Hallo Danny,
    dies ist mein allererster Kommentar meines Lebens den ich hier schreibe. Unglaublich fast-aber wahr! Dieser Artikel spricht mir vollends aus der Seele! Und genau wie Du auch ,befinde ich mich gerade in diesem „Irrgarten“. Ich kann es wirklich nur immer so beschreiben: ich weiß zwar nicht genau, was ich will, aber ich weiß ganz genau, was ich NICHT (mehr) will!
    Übrigens-ich bin ebenfalls Jahrgang 80 und Katzen mit ihrer unergründlichen Seele haben es auch mir angetan. :-)(Stolze Besitzerin ich bin 🙂 )
    Ich wünsch Dir Kraft, ich wünsch Dir Freude und vor allem keinen falschen Druck beim Finden deines eigenen Weges.
    Liebe Grüße, Jana

    • Hallo Jana,
      ich fühle mich sehr geehrt, Deinen ersten Kommentar erhalten zu haben, vielen Dank dafür! Es ist schön zu sehen, das immer mehr Menschen die eingefahrenen Glaubenssätze in Frage stellen und überdenken und einen eigenen Weg finden wollen.
      Um herauszufinden, was man will, ist es auch wichtig zu wissen, was man eben nicht mehr will.
      Ich wünsch Dir alles Gute bei Deinem Weg!

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