Grüße aus der Psychotherapie

Grüße aus der Psychotherapie.

Grüße aus der Psychotherapie
Von harter Arbeit, dunklen Kellern und dem schmerzenden Muskelkater in der Seele

Die Suche nach einem Therapieplatz kann einen glatt verrückt machen – wenn man es denn nicht schon ist. Ewig lange Wartezeiten und unendliche Bürokratie in Form von Anträgen, Formulare und Bewilligungen führten auch mich in meiner Depressionserkrankung oft weit über die Grenzen meiner Leidensfähigkeit.

Ich erinnere mich an eine meiner schweren Episoden, in der ich völlig verzweifelt und überfordert vor einem grauen Fragebogen saß, auf dem ich nicht nur diverse Versicherungsnummern und persönlichen Daten eintragen, sondern auch noch meinen kompletten Krankheitsverlauf stichwortartig in eine dreizeilige Tabelle quetschen sollte. Dabei war ich schon komplett damit überfordert, mir morgens eine Hose und ein T-Shirt möglichst richtig herum anzuziehen ohne dabei in Tränen auszubrechen.

Ich erinnere mich auch an Telefonate mit unhöflichen und uneinsichtigen Krankenkassensachbearbeitern, nach denen ich in Gernot-Hassknech-Manier brüllend das Telefon an die Wand warf (ja, da ist so ein kleines Wutproblem, ich arbeite immer noch daran…) und ich erinnere mich an zauselig-verwirrte Psychotherapeuten, die mich zum Erstgespräch in ihre muffig-vermüllte Messie-Wohnung einluden.

Ich erinnere mich aber auch an den Moment, in dem mich meine jetzige Therapeutin anrief, mir mit lieber Stimme sagte, dass wir in der folgenden Woche mit einer Verhaltenstherapie beginnen könnten und mir vor Freude und Erleichterung die Tränen kamen.

Der Weg zu einem Therapieplatz ist hart, steinig und wahrlich oft beschissen. Aber es lohnt sich. Ich habe in meiner Therapie viel gelernt. Über mich selbst. Über meine Erkrankung. Über innere Teams und depressive Denkmuster. Über Therapiemethoden und Techniken zur Selbsthilfe. Und über Psychotherapien an und für sich. Was sie sind. Und was sie nicht sind.

Eine Therapie keine Wunderheilung.

Die Sonne des Lebens geht nicht deshalb wieder auf, weil man einmal in der Woche in einem gemütlichen Sessel beim Therapeuten sitzt. Nur vom Reden, Erzählen und Zuhören löst sich leider kaum ein Problem in Luft auf. Man muss sich hinterfragen, an sich arbeiten, sich reflektieren und seine Erwartungen an sich selbst und die Behandlung sehr genau definieren.

Meine Therapeutin erarbeitet mit mir Wege aus der Depression, gehen muss ich sie allein. Sie nimmt mich regelmäßig an der Hand, laufen muss ich selber. Immer ein Schritt vor den anderen. Manchmal falle ich. Das ist okay. Sie steht an meiner Seite. Sie stellt mir Fragen, oft sind es immer und immer wieder die selben. Sie nervt mich mit ihren Fragen. Aber sie kann mir die Arbeit an mir selbst leider nicht abnehmen. Vor allem die Arbeit, die in dem Moment beginnt, in dem ich ihr Gesprächszimmer verlasse.

Arbeit macht Arbeit. Deswegen heißt sie ja so. Sagte schon Bernd Stromberg.

Eine Therapie ist auch keine Gute-Laune-Kur.

Nach einer Therapiesitzung geht es mir nicht immer gut. Nach den meisten Sitzungen bin ich fix und fertig. Manchmal geht es mir sogar ziemlich beschissen.

Es gibt so etwas wie psychischen Muskelkater, Schmerzen in der Seele, die dadurch entstehen, dass man intensiv Bereiche bearbeitet, denen man viel zu lange keine Beachtung geschenkt hat.
Das tut weh, es strengt an. Aber es macht starke Muckis in der Seele.

Eine Therapie ist ein Vertrauensvorschuss.

Damit meine Therapeutin ihren Job gut machen kann, muss ich mich ihr gegenüber öffnen und dem, was in mir ist, die Form der Worte geben. Bedingungslos. Auch so etwas Einfaches wie Sprechen kann verdammt schwer sein wenn man es zum ersten Mal tut. Manchmal fühle ich mich, als würde ich über ein komplexes Thema in einer mir kaum vertrauten Fremdsprache reden müssen. Ich lerne die Worte wie Vokabeln. Es dauert. Es geht nur nach und nach.

Aber eine Therapie ist kein Sprint.

Eine Therapie ist eher ein Marathon. Es dauert und es will nicht aufhören. Es strengt an. Man glaubt, man schafft es nicht. Man zweifelt und würde am liebsten abbrechen. Um dann doch weiterzumachen, das Ziel vor Augen.

Es ist ein ziemlich langer Weg voller – manchmal auch unangenehmer – Selbsterkenntnis. Das gehört dazu. Das ist der Prozess, der zur Besserung führt. Dazu gehört viel Willen. Ein langer Atem.
Und Stärke, die man nicht immer hat.

Mir fällt es schwer, mich in dieser Geduld mit mir selbst zu üben. Ich will am liebsten alles jetzt und sofort und bitte perfekt. Dass das nicht geht, lerne ich. Lernen lässt mich wachsen.

Eine Therapie ist anstrengend.

Es ist anstrengend, über den Müll vor der eigenen seelischen Haustür zu reden. Über Schmerzen, über Verletzungen und über all die Dinge, die keiner von uns wirklich nennt, wenn wir im Vorstellungsgespräch nach unseren größten Schwächen gefragt werden. Über die Dinge, die wir nicht bei Facebook posten und die wir in strahlenden Instagram-Selfies lieber verbergen.

Es ist mühsam, jede Woche in den Keller der eigenen Seele runterzuklettern und dort im Dunklen herumzuwurschteln. Manchmal habe ich keine Lust dazu. Quäle mich regelrecht zu den Sitzungen. Zu unbequem ist das, was mich dort erwartet. Manchmal habe ich Angst. Angst vor den Fragen. Noch mehr Angst vor meinen Antworten.

Doch es lohnt sich. Denn ich mache Fortschritte. Es geht mir besser. Ich werde stabiler, stärker, größer. Ich bin immer noch hier. Also habe ich irgendwas richtig gemacht. Die Therapie gehört sicher dazu. Zu den richtigen Dingen.

3 Comments

  1. Robin

    Wunderbar geschrieben, Danny. Dein Text sollte von vielen Patienten und Therapie-Interessenten gelesen werden. Denn er zeigt sehr gut, dass in der Therapie beide arbeiten müssen, Therapeutin und Patientin. Anders wird das nix. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg in der Therapie.

    • Hallo Robin, genau darum geht es. Ich finde es immer wieder schade, wie passiv sich viele Betroffene in der Therapie verhalten um dann auf den Psychotherapeuten zu schimpfen. Denn eine Therapie ist eine großartige Chance an sich selbst zu arbeiten. Ich bin sehr froh, diese Chance zu bekommen.

  2. Steffi H.

    Auch ich habe eine Therapie hinter mir. Mein damaliger Therapeut, ich nenne ihn immernoch liebevoll Wolle – davon weiss er aber nix, hat mir seinerzeit unheimlich geholfen und ich habe mich selbst viel besser kennen und verstehen gelernt.

    Gerne hätte ich weiter gemacht, ich glaube, das hätte mir sehr gut getan. Leider kam ein Ortswechsel dazwischen…

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und „Erfolg“. Therapie ist was Gutes !!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.