Meine Angst bekommt ihr nicht.

Meine Angst bekommt ihr nicht - Titelbild

Meine Angst bekommt ihr nicht.
Ein paar Worte über Angst, Panik, Weltuntergänge und zur aktuellen Befindlichkeit des Landes.

Ich gebe es zu: ich war immer ein ängstlicher Mensch.
Schon als Kind hatte ich Angst allein in den Keller zu gehen. Ich hatte Angst vor fremden Kindern, vor Klassenreisen und vor dem Köpper vom Dreier. Und jetzt als „Erwachsene“ ist es auch nicht viel leichter, denn an manchen Tagen hatte ich sogar Angst, meine Wohnung zu verlassen.

Da sich zu meinen Depressionen in den letzten zwei Jahren auch eine Angststörung gesellte, erlebte ich bereits mehrmals, wie es sich anfühlt, wenn das Ende der Welt zum Greifen nah ist: Tränen und Schreie, die man runterwürgt wie Erbrochenes. Atemnot, weiche Knie, trockener Mund, Zittern, Herzrasen, Angst, Angst, Angst. Und nur wegwollen. Weg. Wohin ist egal.

Ich hatte Horrorvorstellungen von von mir verursachten Autounfällen und bekam Angst, mich hinter ein Steuer zu setzen – obwohl ich früher immer gern und viel Auto gefahren bin.
Ich bekam Panikattacken in der U-Bahn oder beim abendlichen Einkaufen im Supermarkt – ich verließ so manche Bahn fluchtartig oder stand zitternd zwischen Obst und Gemüse.
Ich fürchete und sorgte mich rund um die Uhr: ich sorgte mich um meinen Kontostand und meine Existenz. Ich hatte Angst vor Todesfällen. Ich bekam Panik, dass meinen Eltern etwas zugestoßen sein könnte. Ich zuckte bei jedem lauten Geräusch zusammen und bekam Probleme mit den Stimmen mancher Menschen und mit zuschlagenden Türen. Ich stand im Fussballstadion und weinte vor Angst – Angst nicht vor dem Spielergebnis, sondern vor den vielen Menschen um mich herum. Die Ängste wurden immer diffuser, immer ungreifbarer. Bis ich sie irgendwann kaum noch benennen konnte und sie nahezu ständig da waren.

Angst und Panik. Bis vor kurzem dachte ich, dass das etwas nicht sonderlich Erstrebenswertes wäre. Ein Gefühl, das kein Mensch gerne hat. Angst ist ja nicht wirklich sexy. Angst ist eine Schwäche. Und Attribute wie „furchtlos“ oder „mutig“ schwingen in unseren Ohren sehr viel positiver als die Worte „ängstlich“, „furchtsam“ oder das flapsige „hasenfüßig“.
Doch nun blicke ich um mich und stelle fest, dass Angst und Panik plötzlich richtig hip sind. Ein Lifestyle. Dass sich ein großer Teil unserer Gesellschaft in seinen Ängsten regelrecht suhlt wie die Sau in der Matschegrube.

Heute schon geklickt und eine Extra-Portion Angst verbreitet? Klick, Klick, Hurra, die Welt geht unter!

Schon seit Monaten bedienen sich Menschen, die auf komplexe Fragen simple Antworten geben wollen, der Polemik und schüren stereotype Feindbilder. Dubiose Parteien, Webseiten und Youtubekanäle verbreiten krudeste Theorien über angebliche Bedrohungen, denen wir unmittelbar ausgesetzt sind. Wir sollen „kämpfen“. Unsere Werte „verteidigen“.
Ich fand vor einiger Zeit ein Bild in meiner Facebooktimeline, das mich davor warnte, dass meine Tochter vergewaltigt, mein Sohn zu Tode getreten und mir der Kopf vom Rumpf getrennt werden würde. Die Bild-Zeitung titelte nach den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris die bedeutungsschwangeren Worte „Wir sind im Krieg!!!“
Und tausende von Menschen verbringen ihre wertvolle Lebenszeit damit, sich diese Dinge reinzuziehen, anzugucken, durchzulesen. Und sie scheinen es zu genießen, wie dieses kribbelige Gefühl der Angst in ihnen aufsteigt und ihrem Leben einen Hauch von Abenteuer verleiht.

Und sie sind so einfallsreich, wenn es darum geht, neue Ängste und Bedrohungen zu erfinden: Jede Minderheit, und sei sie noch so klein, symbolisiert den drohenden Untergang.

Und spätestens seit wir wissen, dass ein Großmaul, dessen Frisur genauso menschenverachtend ist wie die meisten seiner Ansichten, der nächste Präsident der USA sein wird, schaltet selbst ein Großteil der sonst von mir als recht besonnen wahrgenommenen Zeitgenossen das Gehirn auf Autopilot und verfällt in blindaktionistisches Armgefuchtel und panische Schnappatmung.
Die Wahlnacht in Amerika war kaum um, da plätscherten Postings wie „Gott steh uns bei!“ in meine Facebooktimeline. Nachrichtenmagazine zeichneten apokalyptische Horrorszenarios von einem geistig Verwirrten, der nun den „Finger auf dem Knopf“ hätte, Börsenmärkte brachen ein. Nachdem das Wahlergebnis bekannt wurde, sollen sogar einige Suizidversuche verübt worden sein.

Und ja. Ich habe auch Angst.
Ich habe Angst davor, dass auch die letzten Vernünftigen, die letzten Besonnenen, die letzten Warmherzigen den Verstand verlieren und sich der Angst und der Panik hingeben.

Ich habe Angst davor, dass die vermeintlichen Warnungen, die wir aussprechen, mehr und mehr geprägt sind von oberflächlichen Schuldzuweisungen.

Ich habe Angst davor, dass wir das Bewusstsein für unsere Werte und unsere Aufgeklärtheit verlieren.

Einer meiner besten Yogalehrer sagte mal:
„Erst wenn wir unsere Angst überwinden, sind wir wirklich frei. Solange wir Angst haben, ist alles Mist.“
Recht hatte er.

Denn in diesem ganzen Kosmos aus angeblichen Fakten gibt es kaum etwas, das ich als Wahrheit bezeichnen möchte. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Aber eines weiß ich mit Sicherheit. Und das aus Erfahrung:

Auf dem Boden der Angst wächst nie etwas Gutes. Angst und Panik sind der Nährboden für Hass, Wut und Aggressionen. Für Gefühle, die uns emotional und kognitiv auf eine unglaublich ekelhafte und destruktive Ebene ziehen. Angst und Panik lähmen uns. Sie machen uns zu angreifbaren, passiven Opfern, die außer Jammern und Wehklagen nicht viel zu Stande bringen. Sie lassen uns verurteilend mit dem Finger auf andere zeigen. Sie sorgen für emotionalen und physischen Rückzug.

Angst klopfte an. Vertrauen öffnete. Keiner war draußen. (aus China)

Wir werden die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, indem wir uns gegenseitig Horrorszenarien vorbeten und uns an Hass und Polemik aufgeilen. Mit dieser Methode ziehen wir uns selbst auf das gleiche, vernichtende Niveau derer, die wir so verurteilen.

Wir machen die Welt nur zu einem besseren Ort, wenn wir mal ein bisschen mit unserem Herzen sehen .
Geht mal raus auf die Straße und guckt den Leuten in die Augen. Helft einem Kind bei den Hausaufgaben. Hört euch die Geschichte eines Flüchtlings an. Holt ein Tier aus dem Tierheim. Tragt einer Omi die Einkäufe ins Haus und lächelt verdammt nochmal die Kassiererin an, wenn sie euch das Wechselgeld gibt, auch wenn sie einen schlechten Tag hat und heute mal ein bisschen langsam ist!
Aber hört auf mit euren geifernden Hassbotschaften und euren heimlich herbeigesehnten Weltuntergangsszenarios.

Ich will eure Angst nicht!

Ich habe die letzten Monate meines Lebens damit zugebracht, gegen meine Angst zu kämpfen. Nicht mehr ständig Panik haben zu müssen. Und ja, ich schlage mich wacker, bin stolz darauf und hoffe, auch weiterhin ein Leben ohne Panikattacken zu führen. Denn ich halte das Gefühl der Angst für nicht erstrebenswert. Angst ist kein verdammtes Entertainment. Und nur ein angstfreies Leben ist ein wirklich schönes Leben.

Ich wünsche allen Menschen ein Leben ohne Angst.

Spoiler:
Ja, wir werden alle sterben.

One Comment

  1. Britta Niemann

    Vielen Dank für diesen ehrlichen und mutigen Artikel. Als selbst von Angststörung(en) und Depressionen Betroffene kann ich dich gut verstehen – oder glaube zumindest, es zu können. Ich kann dem im Moment gar nichts hinzufügen, aber eins muss ich gestehen: Das chinesische Sprichwort hat mir tatsächlich die Tränen in die Augen getrieben – aus einer Mischung aus Bestürzung und Selbsterkenntnis. Ich finde es jedenfalls wunderschön und werde es wohl selbst auch ein Stückchen weiter verbreiten. Es ist so wahr…

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