Let’s talk about: Suizid

Let's talk about: Suizid

Let’s talk about: Suizid
Über eine totgeschwiegene Todesursache und warum wir die verschämte Sprachlosigkeit darüber endlich beenden sollten.

In der letzten Woche erreichte mich und viele andere über die Presse die Nachricht über den Tod eines prominenten Menschen, von dem ich ehrlich gesagt bis zu diesem Tag noch nie etwas gehört hatte – ich lebe ohne Fernseher und weitestgehend ohne aktive Teilnahme an Internethypes.
Es wurde schnell bestätigt, dass es sich bei diesem Tod um einen Schienensuizid handelte.

Durch dieses tragische Aus-dem-Leben-treten sind aber nun – zumindest vorübergehend – wieder einmal gewisse Themen in die Berichterstattungen und Kommentarspalten HINEINgetreten und werden dort mit einer beispiellosen Ahnungslosigkeit einem Mangel an Taktgefühl diskutiert und verhackstückt, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Reißerischen Clickbaiting-Schlagzeilen und kluggescheißerten Moralapostelkommentare liefern sich ein wildes Rennen: nach wenigen Klicks blubberte mir ein buntes Potpourri an Widerwärtigkeiten entgegen, dass ich den Laptop erstmal mit aufgepusteten Backen zuklappen und mein Gedankenkarussell bremsen musste.

Screenshot Youtube

Wenn man keine Ahnung davon hat… (Screenshot Youtube)

Wieder einmal wurde mir klar:
Über die Themen Depressionen und Suizid wird wenig gesprochen. Und noch weniger gewusst.

Suizid ist nicht schick. Wer nach langer körperlicher Krankheit stirbt, erfährt Mitleid. Wer aufgrund einer Depressionserkrankung durch einen Suizid stirbt, erntet posthum Vorwürfe. Wie egoistisch. Wie kann man nur. Einfach aufgeben. Wie feige. Die Autorin Jennifer Niven schrieb in ihrem großartigen Roman „All The Bright Places“ / „All die verdammt perfekten Tage“ im Nachwort:

„I lost my friend to suicide, a year before I lost my father to cancer. They were both ill at the same time and they died within fourteen months of each other, but the reaction to their illness and deaths could not have been more different. People rarely bring flowers to a suicide.“

Der im Volksmund gebräuchliche Begriff „SelbstMORD“ enthält die Unterstellung einer Straftat. Dabei ist ein Mensch, der aufgrund einer psychischen Erkrankung seine Hoffnung, sein Vertrauen und seinen letzten Lebenswillen so sehr verloren hat, dass er seinem Dasein ein Ende setzt, sicher sehr vieles – aber bestimmt kein schuldiger Schwerverbrecher, der aus Heimtücke und Niedertracht handelt. Pietät und Einfühlsamkeit fängt leider schon bei solchen kleinen Begrifflichkeiten an.

Als ich mich mehr oder weniger fassungslos-kopfschüttelnd durch die journalistischen Entgleisungen zu dieser aktuell diskutierten Selbsttötung las, wurde ich stutzig, denn unter einigen Berichten fand ich folgenden Text:

Screenshot

Sowas würden wir ja normalerweise nicht machen… (Screenshot diverse Onlinemagazine)

Soso. Soll wohl eher heißen:
Wir berichten nicht über Suizid, das Thema ist uns moralisch und emotional irgendwie zu kompliziert und zu sperrig. Es sei denn, der Suizident war mal irgendwann im Fernseher zu sehen oder so. Dann können wir eine reißerische Story draus machen und es ist okay! Wenn Sie selber Depressionen oder so haben, ist hier so eine Telefonnummer, da können Sie ja mal anrufen. In der Zwischenzeit zerren wir mal ein paar ehemalige Klassenkameraden und Nachbarn des Verstorbenen zur allgemeinen Unterhaltung vor die Kamera.

Klar. Es soll ihn ja geben, diesen Werther-Effekt. Detaillierte, heroische oder romantische Schilderungen von Art und Ort einer Selbsttötung könnten Nachahmer inspirieren, zu einem Personenkult führen oder andere Menschen auf „dumme Gedanken“ bringen.

Okay. Das hab ich begriffen.

Doch ich frage mich einige Dinge ernsthaft:

Warum wird so wenig geschrieben, berichtet und diskutiert über eine Todesursache, die im Jahr mehr Menschenleben fordert als Verkehrsunfälle und Drogenmissbrauch zusammen? Suizid, der totgeschwiegene Tod?
Depressionen bleiben aus Scham und Unwissenheit bei vielen Menschen immer noch viel zu lange unbehandelt. Sie sind keine Laune, bei der man ein paar Tage melancholisch in die Regentropfen vor dem Fenster schaut. Depressionen können tödlich enden. Warum wird darüber nicht geredet?

Bei meinen Recherchen zum Thema Suizidrate und Anzahl der Selbsttötungsversuche stieß ich ausschließlich auf völlig veraltete Zahlen und vage Schätzungen. Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht auf ihrer Seite Pi-mal-Daumen-Daten, die locker ein halbes Jahrzehnt alt sind.

Warum kehren wir die Menschenleben, die psychische Erkrankungen jedes Jahr fordern, so stillschweigend unter den Teppich?

Die Angst vor Nachahmern ist in meinen Augen ein Feigenblatt, eine schnell und unüberlegt hingeflapste Ausrede um sich nicht öffentlich, ernsthaft und vor allen Dingen sachlich und einfühlsam mit diesem weniger unterhaltsamen Thema auseinandersetzen zu müssen.
Denn wenn es uns so wichtig wäre, Trittbrettfahrern keine Inspiration zu bieten, müssten wir ab sofort einen Großteil der journalistischen Berichterstattung zu Straftaten, Anschlägen, Drogenmissbrauch und Verkehrsunfällen einstellen.
Hier scheinen die Verfasser jedoch keine Bedenken zu haben, mit ihren detailverliebten Schilderungen und hochauflösenden Fotos Nachahmer zu inspirieren.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, etwas zu erklären.

Ich bin mir sicher: kein Mensch nimmt sich das Leben, weil durch eine Berichterstattung „auf dumme Gedanken“ kommt.
Menschen nehmen sich das Leben, weil sie verzweifelt sind, keinen Ausweg sehen, allein gelassen und nicht verstanden werden. Weil die Dunkelheit in Ihnen größer ist als die Hoffnung auf Licht. Weil die Leere in ihrem Herzen alles aufgefressen und nichts als verbrannte Erde zurückgelassen hat.

Ein Suizid fällt nicht als spontane Schnapsidee vom Himmel.
Er ist das Ergebnis einer langen, ernstzunehmenden Krankheit. Eine Krankheit die jeden treffen kann und über die endlich verdammt noch mal geredet werden sollte. Und zwar nicht nur dann, wenn ein Mensch des öffentlichen Lebens seinen Kampf gegen diese Krankheit mal wieder verloren hat und wir für ein paar Tage mal wieder eine neue Sau haben, die wir durch das Kommentarspaltendorf treiben können.

Reden wir also drüber. Schreiben wir also drüber. Denn das Gefühl, das notwendig ist, um das eigene Leben zu beenden, sollte kein Mensch fühlen müssen. Keiner. Niemand. Niemals. Punkt.

Ja, ich weiß. Es ist kein schönes Thema. Es ist schwierig. Ich habe hier gerade knapp 1.000 Worte darüber geschrieben und jeder einzelne Satz war schwierig. Aber so ist das Leben. Schwierig. Erst recht mit Depressionen.

Mich nervt das auch. Ich würde auch manchmal viel lieber einen Blog über Kosmetikkram schreiben und mich für meine 20.000 Instagramfollower durch die neusten mattierenden Tagescremes testen.

Nein, okay, ich gebe zu, der letzte Satz stimmt so nicht.

Der Rest ist meine persönliche Sicht der Dinge.

One Comment

  1. Stefan

    Hallo Danny,

    Deinen Worten kann ich bedingungslos zustimmen.
    Es ist gut, dass Du das so geschrieben hast.
    Die Berichte werden niemals jemanden zum Nachahmen anstiften.
    Aber die Art und Weise wie berichtet wird, könnte einige Meschen in ihrem Entschluss bekräftigen.
    Darüber macht sich aber niemand Gedanken.
    Vielen Dank für Deinen Blogeintrag.

    Gruß Stefan

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