Lesetipp: „Drüberleben“ von Kathrin Weßling

Drüberleben - Kathrin Weßling

Lesetipp: „Drüberleben“ von Kathrin Weßling

Aufgrund der Tatsache, dass ich seit geraumer Zeit keinen Fernseher mehr besitze, gehöre ich zu den Sehr-Viel-Lesern und verschlinge in einer durchschnittlichen Woche etwa 1-3 Bücher. Lesen entspannt mich, es fordert und beruhigt meinen Kopf und es lässt sich gut in zeitliche Häppchen aufteilen. Ich lese so ziemlich alles was mir in die Hände fällt, vom Roman bis zum Sachbuch.

Warum und wie ich die Existenz dieses Buches, das bereits 2012 erschein, bisher ignorieren konnte, ist mir allerdings ein großes Rätsel. Denn die Hamburger Autorin und Journalistin Kathrin Weßling hat hier den großartigsten Roman zum Thema Depressionen abgeliefert, den ich bisher gelesen habe.
Ab dem ersten Satz wusste ich: Diese Frau weiß, worüber sie schreibt. Noch nie haben Worte für mich das Gefühl der Depression so auf den Punkt gebracht wie schon die ersten beiden Sätze, die einem gleich zu Beginn des Buches um die Ohren fliegen:

„Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall. Irgendwann bin ich einfach stehengeblieben, und dann sind die Ereignisse wie LKWs in mich hineingefahren.“

So fängt sie an, die Geschichte von Ida Schaumann. Ida ist 24, depressiv und mit ihrem Leben in ganzer Hinsicht überfordert. Ida ist nicht in der Lage ein Leben in dem zu führen, was andere „Normalität“ nennen – auch wenn sie es krampfhaft versucht. Zwischen Alkoholkonsum, gutgemeinten Ratschlägen und halbgar-scheiternden Beziehungen entscheidet sich Ida zu einer erneuten Therapie und begibt sich in eine psychiatrische Klink. Dort begegnet sie nicht nur anderen Menschen mit kranken Seelen, sondern auch sich selbst und ihrer Vergangenheit. Dabei verliert sich die Geschichte nicht in Beschreibungen des tristen Klinikalltages oder in der Darstellung von Therapieansätzen sondern ist ein ganzheitliche und spannungsgeladene Schilderung von dem, was passieren kann, wenn Menschen einfach nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet.

„Eine Störung im System, irgendwie falsch programmiert, irgendwie so aussehend wie die anderen, aber in der Software total beschädigt.“

„Drüberleben“ ist das authentische Portrait einer Depression und des Menschen dahinter. Schnörkellos geschrieben und schonungslos ehrlich. Jeder Satz sitzt an der richtigen Stelle und trifft den Leser mit voller Wucht ins Gesicht. In die Seele. Ins Herz. Reißt emotional mit. Vielleicht, weil all diese emotionalen Abgründe, über die Kathrin Weßling schreibt, einem selbst so vertraut sind. Weil man sich in dieser Geschichte so oft wiedererkennt, dass man beim Lesen mit zusammengepressten Lippen kaum merklich nickt und das Buch zur Seite legt. Um einmal kurz durchzuatmen. Und sich dann endlich verstanden zu fühlen.

„Irgendwann war etwas passiert, das begonnen hatte, den Weg zu zerfressen, den ich ging, etwas, das aus diesem Weg einen Hindernisparcours gemacht hatte. Und das, was da passiert war, war ICH gewesen.“

Denn die oft so diffuse und kaum greifbare Krankheit Depression bekommt hier endlich eine Form: die Form der Worte. Wohlformulierte Worte über unaussprechliche Dinge. Kraftvolle Worte und über eine Krankheit, die so oft alle Kraft raubt. Diese Worte sind zynisch. Oft düster, unschön, dreckig. Manchmal zum Lachen. Aber immer ehrlich, geschickt und treffsicher. Auf einem sprachlich wunderbaren Niveau fehlt ihnen jede flapsig hingerotzte Oberflächlichkeit. Sie dringen tief vor und sind dabei so verdammt inspirierend.
Sie nehmen den Leser mit in den Abgrund und schildern den wilden Emotionscocktail einer Depression. Die Ängste, die Wut, die Traurigkeit und die immer wiederkehrende gähnende Leere. Und die Kraft, die es kostet, wenn man etwas erträgt, was eigentlich unerträglich ist.

„Drüberleben“ stellt Fragen und überlässt es dem Leser, diese für sich zu beantworten.
Was ist ein glückliches Leben? Sind Depressionen heilbar? Geht das jemals wirklich vorbei? Bin ich normal? Wer ist normal? Und warum?

Danke, Kathrin Weßling für dieses unglaubliche Buch!

Los, lest es! Unbedingt!

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