Laufen gegen Depressionen

Laufen gegen Depressionen

Laufen gegen Depressionen – wie mein Lauftraining mich glücklich macht (…obwohl ich es eigentlich hasse)

Fragt man einen passionierten Läufer danach, warum er sich fast täglich, auch bei Wind und Wetter, in ein sportliches Lycra-Dress zwängt und mit angestrengt-verzerrtem Gesicht durch Wald und Wiese joggt, so hört man nicht nur einen Lobgesang auf die körperlichen Vorteile wie Kondition, Kraft und Beweglichkeit, sondern er wird auch die psychischen Benefits erwähnen: Viele Läufer fühlen sich durch ihr regelmäßiges Training entspannter. Das Laufen hilft Ihnen, Stress abzubauen. Manche sprechen gar von extatischen, orgasmischen und glücksberauschten Zuständen, die sie im monotonen Rhythmus ihres Laufschrittes erfahren.

Nun. Ich werde nie einer dieser passionierten Läufer. Ich will ehrlich sein: Ich laufe wie eine Schnecke. Auf Valium. Durch Erdnussbutter. Bei Gegenwind. Manchmal hasse ich es regelrecht. Mein Laufstil entbehrt jeglicher Eleganz, die diese drahtigen Athleten an den Tag legen, die mich während meiner Runde im Park gleich dreimal überholen. Und von irgendwelchen magisch-orgasmischen Zuständen bin ich dabei wirklich meilenweit entfernt.
Aber ich laufe. Trotzdem. Fast täglich.

Ich laufe gegen meine Depressionen.
Denn wer seinen Körper nicht bewegt, bekommt auch keine Bewegung in die Seele.
Das Gefühl nach dem Lauftraining und eine Lektion in Biochemie geben mir recht.

Depressionen werden in vielen Fällen durch dauerhaften Stress, Angst und/oder emotionale Überbelastung ausgelöst. Und leider ist das menschliche Gehirn in puncto Evolution eine absolute Gurke, die großteils noch auf dem Niveau eines Höhlenmenschen funktioniert:

Denn die Antwort, die unser Körper auf Stressbelastungen bereithält, ist komplex und doch simpel:
Die Ausschüttung diverser Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol lässt die Herzfrequenz steigen, kurbelt den Stoffwechsel an und versetzt uns in Alarmbereitschaft. Während dieser Fight-or-Flight-Reaktion können wir uns oft zu ungeahnten Höchstleistungen aufschwingen. Das war damals in der steinzeitlichen Höhle ganz prima, wenn der Säbelzahntiger um die Ecke lauerte, denn in der folgenden körperlichen Aktivität durch Kampf oder Flucht wurden die Stresshormone wieder abgebaut und Körper und Seele des Höhlenbewohners kamen wieder zur Ruhe.

Zum Glück leben wir mittlerweile in einer Welt, in der wir weder mit körperlichem Angriff noch mit fluchtartigem Wegrennen weiterkommen – man stelle sich nur mal die Situationen mal in einem durchschnittlichen Großraumbüro oder an der Supermarktkasse vor…

Leider bedeutet dies aber auch, dass wir unser steinzeitliches Flucht-oder-Angriff-Programm an anderer Stelle zu Ende bringen müssen. Ansonsten wirbeln die Hormone, die zu Jäger-und-Sammler-Zeiten noch so hilfreich waren, als Stress-Dauerzustand durch unsere Systeme.

Und an dieser Stelle ziehe ich mir meine Joggingschuhe an!

Denn alles geht vorbei!

Schlaue Wissenschaftler streiten sich zwar noch darüber, ob Läufer wirklich geübtere Stressreaktionen haben. Allerdings ist dies sehr wahrscheinlich.
Denn auch das Lauftraining ist erstmal nichts anderes als Stress. Hier wird die Fight-or-Flight-Situation in einem sicheren Rahmen künstlich hergestellt und abgearbeitet. Aber das Nervensystem ist schlau und lernt dazu. Denn weil sich diese Stressituation auf einen knappen Zeitrahmen beschränkt, wird es in Zukunft in vergleichbaren Belastungssituationen nicht mehr so übermäßig reagieren. Denn alles geht vorbei. Auch das hier.

Yeah, es ist gratis!

Es gibt kaum einen günstigeren Sport als das Laufen. Kein Eintritt, keine Mitgliedsgebühr, keine teure Ausrüstung. Gerade am Anfang, wenn es darum geht, einfach mal eine Runde durch den Park zu drehen, brauchst Du nicht mehr als ein paar vernünftige Laufschuhe, eine bequeme Hose und ein dem Wetter entsprechendes Shirt. Im Winter sind auch Schal und Mütze sinnvoll. Hat aber eh wahrscheinlich jeder Mensch zuhause.

Rausgehen vs. Rückzug

Ehrlich, an manchen depressionsgeplagten Tagen ist es für mich eine echte Herausforderung, meine Wohnung zu verlassen und Menschen zu begegnen. Eine morgendliche Laufrunde im Park ist da ein genialer Einstieg in den Tag: es sind um diese Uhrzeit meist noch wenig Leute unterwegs, die Luft ist frisch und klar. Ich genieße es, in der Natur zu sein. Danach fällt mir vieles nur noch halb so schwer.

Erfolgserlebnisse, QuickWin und Selbstvertrauen

Wer Depressionen hat braucht Erfolgserlebnisse. Und das jeden Tag. Laufen ist so ein Erfolgserlebnis. Denn obwohl ich nicht leistungsorientiert laufe (ihr wisst schon, Schnecke und Erdnussbutter), so schaffe ich es doch, meinen faulen Hintern einmal am Tag zu bewegen. Und tue ich das gleich morgens nach dem Aufstehen, starte ich mit einem QuickWin in den Morgen, der mich für den Rest des Tages positiv begleitet.
Beim Laufen vertraue ich mir und meinen Fähigkeiten. Ich traue mir selber etwas zu.
Right in your face, Selbstzweifel!

Gutes Gefühl für Körper und Seele – aus eigener Kraft

Dass sich das Laufen positiv auf das Körpergefühl auswirkt, spüre ich nach jeder Runde spätestens unter der Dusche. Wer dynamisch und aufrecht durch die Welt joggt fühlt sich einfach automatisch besser als jemand, der träge und grübelnd auf der Couch liegt. Doch das Wichtigste ist hierbei für mich, dass ich es schaffe, dieses Gefühl aus ganz eigener Kraft zu erzeugen. Ich benötige keinen Einfluss von außen, keinen Therapeuten und keine Tabletten um mich gut zu fühlen. Ich schaffe es in diesem Moment ganz allein. Und das ist ein verdammt geiles Gefühl.

Und ja, deswegen laufe ich. Ja, es ist anstrengend. Und es nervt. Und ich bin froh, wenn es vorbei ist. Aber all das trifft auch auf eine depressive Episode zu. Dann doch lieber laufen.

Meine Tipps an alle Neu-Läufer:
  • Setz Dich nicht unter Druck. Echt nicht. Mach Pausen. Die Welt wird kein besserer Ort, nur weil Du es schaffen willst, in einem Jahr einen Marathon zu laufen. Lass es.
  • Lauf lieber jeden Tag 10 Minuten als einmal in der Woche 2 Stunden am Stück.
  • Alleine laufen ist okay. Mich stresst manchmal sogar, mit anderen zusammen zu laufen. Ich habe gern mein eigenes Tempo.
  • Stell Deine Laufschuhe neben das Bett. Zieh Dein Laufshirt schon abends zum Schlafen an. So hast Du morgens weniger Ausreden und weißt sofort, was Du Dir am Abend vorher vorgenommen hast.
  • Verabschiede Dich von alten Glaubenssätzen. Nur weil Du früher im Sportunterricht vielleicht immer der letzte warst, der in die Völkerballmannschaft gewählt wurde, heißt das nicht, dass Du Dich heute nicht bewegen sollst.
  • Vergleich Dich nicht! Erst recht nicht mit diesem drahtigen Sprinter, der mit 3-Meter-Schritten pustend an Dir vorbeizieht. Der hat auch mal irgendwann angefangen.
  • Nimm Dir was auf die Ohren mit: Podcasts, Musik, Radio, Bibi Blocksberg. Ich finde Laufen ohne iPod sterbenslangweilig.
  • Den wohl besten, informativsten und motivierensten Blog zum Thema Laufen gibt es bei Mandy: Go Girl Run

One Comment

  1. Das hast du toll geschrieben und beschrieben!
    Ich war früher auch eine absolute -10 in Sport und habe deswegen so einige Glaubenssätze in mir zu diesem Thema… Aber ich habe vor etwa 10 Jahren angefangen. Erst Fitnesstudio und Fahrrad. Dann Laufen und mittlerweile Wandern und Mountainbiken. Im Vergleich mit anderen, die regelmäßig sporteln, (ja, ich weiß, sollte man nicht tun) bin ich immer noch recht unsportlich und langsam. Aber ich bleibe dran und es tut mir gut. Mit meinem Hund gehe ich eh drei mal am Tag vor die Tür, aber mit sportlicher Betätigung ist es doch noch mal anders. Zur Zeit mache ich regelmäßig Workouts anhand von youtube-Anleitungen und Yoga.
    Das (Aus-)Schwitzen reguliert meinen Stresshaushalt und die Atmung wird tiefer und gleichmäßiger.
    Ein Hoch auf unser Dran-Bleiben!
    Liebe Grüße, Frauke

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