Ich hab echt keinen Plan!

Ich hab echt keinen Plan!

Seit nun einigen Tagen befinde ich mich in einer beruflichen Auszeit.
Ich habe meine Festanstellung als Grafikdesignerin in der Marketingabteilung eines mittelständischen Unternehmens hinter mir gelassen und vor mir liegt — ja, was eigentlich?

Erzähle ich anderen von dem, was in meinem Leben in den letzten Wochen und Monaten passiert ist (beruflicher Schleudergang, Burn-Out, Kündigung) so nicken viele meiner Gesprächspartner mir mit großen Augen aufmunternd zu und bestätigen mich in meinen Entscheidungen. Sie bewundern den Mut (dazu an anderer Stelle mehr) und die Entschlossenheit, die zu diesen Schritten geführt hat. Doch dann kommt die große Frage, die wie ein Damokles-Schwert über allem zu schweben scheint:

„Und was willst Du jetzt machen?“

Ja, was will ich eigentlich machen?

Als ich vor etwa einem Jahr anfing, mich mit dem Gedanken eines beruflichen Ausstiegs zu beschäftigen (auch dazu an anderer Stelle mehr) glaubte ich felsenfest daran, dass ich mir einem bombensicheren Plan hierfür zurecht legen müsste. Eine absolut idiotensichere Strategie, mit Netzen und doppelten Böden. Ich grübelte und zermarterte mein Hirn. Was kommt nach der Kündigung? Selbständigkeit? Online-Business? Halbtagsjob? Was kommt nach dem Ausstieg aus diesem bisherigen Job, der mich jeden Tag so unausgefüllt und verbrannt zurückließ (aber immerhin für ein gefülltes Konto sorgte)?

Irgendwo zwischen Vollzeit-Arbeitstagen (die ja leider nie nur aus diesen 8 Stunden Arbeit bestehen…), Haushalt, Freizeitstress und dem täglichen bzw. nächtlichen Schlafpensum wollte ich noch die Zeit finden, um mein Leben neu zu sortieren, mich neu auszurichten und mir eine Perspektive für ein neues Leben aufzubauen. Ich verlor mich dabei immer mehr in Existenzängsten und Gedankenkarussells, die neben meinem Job für einen zusätzlichen Stressfaktor sorgten.

Denn plötzlich stellte nicht nur mein Arbeitsalltag eine permanente Belastung dar, die mir langsam aber sicher alle Kräfte raubte. Sondern ich holte mir mit dem verkrampften Planen-Wollen und Unbedingt-Eine-Strategie-Haben-Müssen noch einen weiteren Stressfaktor in mein schwankendes, leckgeschlagenes Boot.

Der ohnehin schon unruhige Schlaf in meinen kurzen Nächten wurde zermürbt von ängstlichen Träumen und gedanklichen Worst-Case-Szenarios, in denen ich nie wieder einen Job fand. In denen alle Pläne der Selbständigkeit fulminant scheiterten. In denen ich mittellos auf der Straße saß. Von meinen Freunden, meiner Familie und allen guten Geistern verlassen.

Die gedankliche Auseinandersetzung mit einer unbefriedigenden beruflichen Situation greift tief in unser Leben ein und betrifft so viele Bereiche, dass es uns unglaublich schnell überfordert. Existenzängste, soziale Isolation, Mittellosigkeit sind nur einige der Bedrohungen, die auf Dich einprasseln, wenn Du Dich mit dem Gedanken trägst, aus Deinem bisherigen Berufsleben auszusteigen. Aber ich verrate Dir, was ich gemacht habe:

Ich habe diesen ganzen Bullshit mit dem Planen und Organisieren und meine ganzen bescheuerten Strategien einfach losgelassen.

Ja, so einfach. Oder eben auch nicht einfach. Denn der gedankliche Weg war lang und hat in meinem Fall fast ein Jahr gedauert.

Entspannte Katze

Meine Katzen sind oft die besten Lehrmeister: Einfach mal alles ganz ruhig angehen.

Akzeptiere, dass Du für so ein großes Projekt wie eine Neuorientierung in Deinem Leben zwei Dinge benötigst:
Zeit und Ruhe!
Und die findest Du nicht ausreichend in den paar Stunden zwischen Bürojob, Supermarkt und dem müden Abend auf der Couch. Wenn die Suppe im Pott anbrennt, musst Du den Pott auch erstmal von der Flamme ziehen bevor Du überlegst, ob noch was zu retten ist oder ob Du doch lieber den Pizzadienst anrufst.

Also erlaube Dir auszusteigen, auch ohne den großen Masterplan als Joker in der Tasche zu haben. Arbeite lieber darauf hin, dass Du die Ideen und die Kraft finden wirst, um wieder neu zu starten. Und vergiss die fixe Idee, von einem energieraubenden Jobleben übergangslos direkt in eine neue Welt zu springen, die auch erstmal nur Herausforderungen für Dich bereithalten wird (hierbei ist es egal, ob diese neue Welt aus einem neuen Angestelltenjob oder aus einer Selbständigkeit besteht).

Du brauchst keinen Masterplan. Was Du aber wirklich brauchst und planen solltest, um Deine berufliche Auszeit von Anfang an für Dich effizient und zukunftsorientiert zu gestalten sind folgende Dinge:

1.Wohltuende Routinen

Viele Formen der Selbstfürsorge bleiben in unserem hektischen Arbeitsalltag viel zu oft auf der Strecke.
Schaffe Dir tägliche, wohltuende Routinen. Nehme Dir viel Ruhe und Zeit für die Dinge, die Du früher aus Zeitgründen nur unregelmäßig oder gar nicht erledigen konntest und tue sie jetzt jeden Tag. Räume ihnen ein festes Zeitfenster ein:
Ein ausgiebiges Frühstück, vielleicht ein Mittagsschläfchen, Sport, Lesen, Lernen, Tagebuchschreiben, Meditation…
Was möchtest Du gern täglich tun? Womit möchtest Du jeden einzelnen Tag in Deinem Leben bereichern? Was lässt Dich wachsen und gedeihen? Mache genau DAS zu Deiner Routine!

2.Persönliche Projekte

Mal ehrlich: wir haben alle diese Träume, die mit den Worten „Ich würde eigentlich gerne mal (wieder)…“ beginnen.
Widme Dich in Deiner beruflichen Auszeit endlich genau diesen Projekten! Wann sonst hast Du Zeit dafür wenn nicht jetzt? Lerne eine Sprache. Mache eine lange Reise. Schreibe das Buch, das Du immer schreiben wolltest. Launche Deinen eigenen Blog. Fang an zu malen, zu tanzen und traue Dich, deine Haare endlich in dieser verrückten Frisur zu tragen, die Du schon immer toll fandest (jetzt gibt es keinen Arbeitgeber mehr, der Dich wegen eines Irokesenschnittes ermahnend zur Seite nimmt, yeah!)

3.Selbstreflexion und Bodenhaftung

Sind wir ehrlich: eine berufliche Auszeit bedeutet nicht endlose, ewige Freiheit. Irgendwann kommt der Tag, an dem wir wieder Geld brauchen und an dem wir vielleicht sogar merken, dass uns die tägliche Routine einer Erwerbstätigkeit sogar sehr fehlt. Sollte das Ziel Deiner Auszeit eine berufliche Neuorientierung sein, beschäftige dich täglich damit. Nicht krampfhaft und panisch (wie oben beschrieben), aber kontinuierlich. Beobachte Dich dabei selbst: Was macht Dir Freude? Was hat Dich an Deinen alten Jobs am meisten gestört? Was möchtest Du ändern? Welche Dinge sind Dir in Deinem Leben am wichtigsten? Horche in Dich hinein.
Im Lärm des lauten Berufsalltags nehmen wir unser eigenes Flüstern oft gar nicht war. Nutze die Ruhe, um Dir selbst zuzuhören.

4.Klarheit und Ordnung

Wenn Du den Inhalt Deines Schädels neu ordnen und ausrichten willst, musst Du das auch mit Deinem Umfeld machen. Befreie Dich von alten Lasten.
Trenne Dich von Menschen, die Deinem jetzigen Schritt ausschließlich mit Skepsis oder sogar mit Neid begegnen. Brich Dinge und Beziehungen ab, bei denen DU Dir einen abbrichst. If you have to force it, leave it.
Und entrümple Deine Wohnung! Wirf Dinge weg, die Deinem neuen Leben nicht mehr dienlich sind. Wenn Du als Unternehmensberater gearbeitet hast und jetzt gerne eine neue Ausbildung zum Tierpfleger in Erwägung ziehst, wirst Du die 15 mausgrauen Zweireiher und die 80 Krawatten in Deinem Schrank kaum noch brauchen. Schmeiß die ollen Liebesbriefe weg, die Dich an den Herzschmerz vergangener Tage erinnern. Verkaufe oder spende, was Du nicht wegwerfen möchtest.

5.Zu guter letzt: Geld

Ja. Sorry. Du brauchst Geld. Du kannst noch soviele Austeiger-Strand-Selfies mit ausgebreiteten Armen und Sonnenuntergang im Hintergrund auf Instagram hochladen. Von den vielen Likes, die Du dort bekommen wirst, kannst Du leider nicht abbeißen. Du brauchst Knete, um Dir Deinen Ausstieg zu finanzieren. Um Deine Miete zu zahlen. Um Dir die Reise leisten zu können, zu der Du jetzt endlich Zeit hast. Auch wenn Du aus einem Angestelltenverhältnis kommst und unser Sozialstaat Dir mit verschiedenen Versicherungsleistungen unter die Arme greift, so sind die ausgezahlten Beträge meist nicht üppig, der Zeitraum der Auszahlung ist auch begrenzt und an Bedingungen geknüpft.
Also schaffe Dir ein finanzielles Polster: Spare, was das Zeug hält! Verkaufe Deinen alten, ungenutzten Plunder! Überlege Dir, was Du wirklich zum Leben brauchst und fahre Deinen Lebensstandard herunter. Denk dran: Du tust das für einen Schritt in die Freiheit! Wenn das nicht motivierend ist, weiß ich es auch nicht.

Grafitti: Everything important happens anyway

Deutlicher geht’s eigentlich schon nicht mehr.

Bevor Du also anfängst, an neuen Plänen für Dich zu arbeiten, bring Ruhe in Dein Leben. Gerade wenn Dich Dein alter Job sehr viel Energie gekostet hat und Du Dich ausgebrannt und antriebslos fühlst, ist es an der Zeit, Selbstfürsorge zu betreiben und Dich und Deine Gesundheit in den Focus zu rücken. Denn ohne eine stabile Gesundheit nützt Dir auch die beste berufliche Perspektive nix.

Ich lebe momentan nach dem alten Sprichwort: Mein Weg ist mein Ziel.
Und wer weiß, was sich gerade auf diesem Weg so ergibt. Welche Menschen mir begegnen werden, welche Dinge ich lernen werde und auf welche Ideen ich in ein paar Monaten kommen werde, die mir momentan im Traum nicht einfallen würden. Ich bin gespannt und vertraue auf mich selbst. Let the good times roll.

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