Grüß mir die Sonne!

108x_surya_namaskar

Warum ich mein Jahr 2017 auf der Yogamatte mit 108 Sonnengrüssen begonnen habe
(…und wie es mir jetzt danach geht…)

Ich habe am Neujahrstag 108 Sonnengrüße (Ashtanga A) gemacht.
Wenn Du in Deinem Leben irgendwann mal mit Yoga in Berührung gekommen bist, weißt Du sicherlich worum es geht.
Falls Du jetzt verwirrt guckst, nur Bahnhof von dem verstehst wovon ich hier rede und Yoga für Dich noch immer so eine Wellnessnummer ist, bei der angegraute Hausfrauen im Kreis sitzen und singend Räucherstäbchen anzünden, lass Dir gesagt sein, dass ich gerade das Gefühl habe, vor Muskelkater zu sterben.
Yoga ist kein Wellness. Yoga ist ein harter, steiniger Weg der Selbsterkenntnis.
Klingt nach Drama. Ist aber so. Manchmal.

Was ist ein Sonnengruß?

Der Sonnengruß ist eine dynamische Bewegungsabfolge im Yoga, die in unterschiedlichen Varianten durchgeführt und mehrfach wiederholt werden kann. Wichtig ist – wie bei allen Yogaübungen – die Bewegungen synchron zum Atemrhythmus durchzuführen. Der „klassische“ Sonnengruß beginnt im Stehen, führt über eine liegestützartige Absenkung in Richtung Boden und über einen Sprung nach vorne wieder auf die Füße.
So ein bisschen wie ein Burpee also – nur ruhiger, achtsamer und mit ganz viel Ommm!

Warum 108, das ist doch voll die krumme Zahl…?

Die Zahl 108 gilt in vielen religiösen und spirituellen Strömungen als ganz besondere und kräftige Zahl, die sich in vielen Gebeten, Erzählungen und Symbolen wiederfindet. Auch in der Mathematik und in der Physik wird ihr eine besondere Bedeutung zugesprochen. Das alles zu erklären würde hier jetzt den Rahmen sprengen, falls Dich das interessiert, schau einfach z.B. mal hier.

Und warum um Himmels Willen macht man sowas?

Ganz einfach: ich steh auf Yoga und mache das schon recht lange und sehr regelmäßig. Als ich vor etwa 6 Jahren mit Yoga anfing ging es mir körperlich und vor allem seelisch wahnsinng schlecht. Yoga gehört zu den wenigen Dingen, die sich immer und immer wieder ausschließlich positiv auf mein Leben ausgewirkt haben. Ich liebe es. Ein bisschen mehr dazu wie sich Yoga auf meine Depressionen ausgewirkt hat habe ich auf meinem Gastbeitrag bei Yogascha geschrieben.

Meditation in Bewegung

Obwohl ich meine Lieblingsstudios und -lehrer habe, bei denen ich gern übe, liebe ich die Abwechselung und probiere gern unterschiedliche Yogastile und -locations aus.
In den meisten Yogastunden werden oft nur eine handvoll Sonnengrüße zum Aufwärmen unterrichtet. Eine meiner liebsten Lehrerinnen bei meinem Lieblingsyogastudio, unterrichtet aber schon fast traditionell am Neujahrstag eine Klasse, in der sich (fast) alles nur um die Sonnengrüße dreht. Und dieses Jahr wollte ich das endlich mal ausprobieren!

108 mal hintereinander die gleiche monotone Bewegungsabfolge zu machen, dabei rhythmisch zu atmen und die körperliche Anstrengung zu spüren treibt Dich aber schon schon nach kurzer Zeit in einen meditativen Zustand. Mein Gehirn lief ab dem 20 Sonnengruß nur noch auf Autopilot. Keine Chance für Grübeleien oder negativen Gedanken-Bullshit. Mit klarem Kopf in das neue Jahr starten. Ein geiles Gefühl!

Es war ein unschlagbares Gruppenerlebnis…

Wir waren über dreißig Leute. Keiner spricht. Alle bewegten sich im gleichen Rhythmus, in der gleichen Abfolge. Ich hörte nur das Atmen der Menschen um mich herum, schloss mich ihren Bewegungen an und sie folgten meinen. Nach 45 Minuten waren die Scheiben des Studios beschlagen.
Allein zu Hause würde ich kaum auf die Idee kommen, 108 Sonnengrüße zu turnen. Hier aber war es ein Erlebnis, das ich mit sovielen Menschen gemeinsam erlebt habe. Die Energie der anderen um mich herum trug mich durch die Stunde, eine Form von Schwarmintelligenz und -kraft, wie ich sie nur vom Yoga kenne! Unbeschreiblich und energetisierend.

…und eine körperliche Grenzerfahrung

Ehrlich: zum Schluss sah ich nicht mehr so elegant aus. Ich war durchgeschwitzt und meine Körperspannung war nicht mehr ansatzweise die vom Anfang der Stunde. Meine Muskeln zitterten. Zwischenzeitlich dachte ich es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr.
Doch. Du kannst. Du kannst immer. Und wenn Du glaubst, Du hättest keine Kraft mehr, irrst Du Dich. Du machst weiter und schaffst es!
Das Erleben, Antesten und Verschieben von körperlichen Grenzen zeigt mir immer wieder, wie stark ich sein kann, welche Kräfte ich mobilisieren kann, wenn es darum geht, Widerständen zu trotzen und Grenzen hinter mir zu lassen. Auf der Yogamatte, aber auch im Leben. Wer es schafft 108 Sonnengrüße zu machen, der schafft noch ganz andere Sachen!

…und noch etwas:

Der Sonnengruß hat seinen Ursprung im hinduistisch geprägten Indien, heißt im Sanskrit Surya Namaskar und wird manchmal auch als Sonnengebet bezeichnet. Die Sonne wird in vielen Kulturen als Lebensspenderin verehrt und der Sonnengruß symbolisiert die Verneigung vor dieser großen Kraft.
Für mich hat der Sonnengruß aber auch eine persönliche Bedeutung: er ist für mich eine Veranschaulichung des Immer-wieder-Aufstehens.
Denn während man die einzelnen Bewegungen durchgeht, liegt man auch einmal auf dem Boden oder ist zumindest kurz davor. Trotzdem beendet man jede Bewegungsabfolge immer aufrecht stehend auf den Füßen. Das finde ich schön und es steht symbolisch für so viele Lebenssituationen in denen ich mich so weit unten fühlte und trotzdem immer wieder die Kraft fand, aufzustehen und mich wieder gerade zu machen.

Das neue Jahr startete für mich mit 108 mal auf-dem-Boden-liegen. 108 mal bin ich wieder aufgestanden. Ja es war anstrengend. Und ja, es tut jetzt ein bisschen weh. Aber ich fühle mich unglaublich kräftig und gestärkt. Körperlich und mental. Und jetzt richte ich meinen Blick wieder in Richtung Sonne!

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