Facebookgruppen & Depressionen

Facebookgruppen & Depressionen

Facebookgruppen, Foren & Co. – Über meine Erfahrungen mit Online-Selbsthilfegruppen und
Internet-Communities zu den Themen Depressionen und Angsterkrankungen

Auf PSOG – der Psyche-blOG gab es vor Kurzem einen Beitrag, der sich mit einem Thema auseinandersetzte, das auch mich schon lange beschäftigt: Onlineforen und Facebookgruppen zu den Themen Depressionen und Angststörungen.

Ich mag Facebookgruppen. Auch beruflich nutze ich sie und bin bei verschiedenen Freelancer- und Entrepreneur-Gruppen dabei. Hier trifft man Gleichgesinnte, potentielle Kunden und kann sich ganz gezielt zu bestimmten Themen austauschen.

Zu psychischen Erkrankungen gibt es eine fast schon erschreckend große Anzahl an Selbsthilfe- und Projektgruppen.
Alleine unter dem Stichwort „Depressionen“ finden sich bei Facebook locker 50 Gruppen, von denen über 20 eine Mitgliederzahl von mehr als 1.000 vorweisen können.

Ich bin – oder besser: war – in einigen davon dabei.
Was ich mir davon erhoffte?
Austausch. Erfahrungsbasierte Tipps um meine Probleme in den Griff zu bekommen. Motivierende Erfolgsgeschichten. Vielleicht auch Kontakte im echten Leben. Ein gemeinsamer Kampf gegen Depressionen.

Was ich stattdessen dort fand?
Sehr viel Selbstmitleid. Triggernde Texte. Düstere Bilder mit deprimierenden Sprüchen. Austausch über Medikamente, Schlafmittel und deren Nebenwirkungen.
Und leider: kaum Dialoge.

Beim Aufenthalt in diesen Gruppen beschlichen mich immer wieder die gleichen Gefühle, und diese machten mich traurig, aber vor allem wütend. Und sie sorgten dafür, dass ich viele dieser Gruppen wieder verließ.

Denn die meisten Facebook-Gruppen zu Themen wie Depressionen & Co. sind leiner keineswegs ein Ort des motivierenden Austausches mit dem Ziel die Krankheit zu besiegen, sondern vielmehr ein virtuelles Dixiklo für all die emotionale Scheiße, die sich nun mal in den Köpfen und Herzen depressionserkrankter Menschen ansammelt. Es wird abgeladen, sich ausgekotzt und ausgeheult, teilweise ohne Rücksicht auf Rechtschreibung oder darauf, wie das Geschriebene auf die anderen eventuell emotional fragilen Mitglieder wirken könnte.
Bis zu 10.000 Mitglieder pumpen ihren oftmals düsteren Output in diese Gruppen, kein Admin weit und breit, der den Inhalt oder die Qualität der Texte und Bilder prüfte.
Jede Facebook-Flohmarkt-Gruppe wird besser und strenger von Administratoren überwacht als so manche Selbsthilfegruppen für psychisch Erkrankte.

Und spätestens hier rauscht jede Selbsthilfegruppe nicht nur an ihrem Ziel vorbei, sondern wird für viele Betroffenen gefährlich.

10.000 Mitglieder? Ist das euer Ernst? Das ist die Essener Grugahalle, verdammt!
Selbst 1.000 Mitglieder wären meines Erachtens viel zu viel um einen angemessenen Rahmen zu bieten und eine wirklich gute und verantwortungsvolle Administration der Gruppenmitglieder und der diskutierten Themen zu gewährleisten.

Mal ehrlich: wie soll man sich bitte bei einer derartigen Menschenmenge auf persönlicher und vertraulicher Ebene über ein emotionales und sensibles Thema wie Depressionen austauschen?
Wie sollen hier Kontakte entstehen, die über einen flüchtigen und bedeutungslosen Onlinekontakt hinausgehen? Wie sollen hier die Tiefen und das Verständnis entstehen, das besonders wir psychisch Erkrankte doch immer so sehr von der Welt fordern?

Facebook-Gruppen

Irgendwie hatte ich mir bei dem Beitritt in diese Gruppen etwas anderes erhofft…

Welchen Sinn hat eine solche Gruppe, wenn die dort zur Verfügung gestellten Inhalte den Leser oft herunterziehen, traurig machen und in seiner Erkrankung bestätigen? Wenn man dort Fotos von Puppen am Galgenstrick zu sehen bekommt? Wenn dort gebetsmühlenartig erzählt wird, dass die Welt da draussen schlecht und furchtbar ist und alles eh keinen Sinn mehr macht? Wenn die aktiven Mitglieder andere Leser immer wieder mit düsteren Fotos und Texten runterziehen ohne dass ein Administrator reglementierend eingreift um das Niveau und die Stimmung in der Gruppe konstant zu halten? Wenn es nicht mehr darum geht, sich gegenseitig zu stärken, zu inspirieren und zu stützen sondern großteils darum, seelischen Müll abzuladen, die Zeit mit dem kommentarlosen Teilen demotivierender Sprüchebildchen totzuschlagen und mehr, mehr, mehr Mitglieder in die Gruppe zu bekommen?
Ist das alles wirklich zielführend bei einer Krankheit, die Betroffene schon oft genug in die Lethargie und in Negativspirale treibt?

Ich denke: Nein.

(Als ich diese Dinge jedoch in der einen oder anderen Gruppe mal zur Debatte in den Raum stellte, bekam ich zur Antwort, dass keine Grundsatzdiskussion gewünscht sei.)

Depressionen sind kein Emo-Kid-Lifestyle, in den man sich gemeinsam in einer riesigen und unübersichtlichen Online-Community einigeln und die man mit vergifteten Gedanken und negativem Input füttern sollte. Depressionen sind eine Krankheit, die im schlimmsten Fall tödlich endet. Eine Krankheit, die man im vertrauten Kreis diskutieren und die man mit aller Kraft bekämpfen sollte. Ich denke nicht, dass diese Facebook-Gruppen dazu beitragen, diese Kräfte zu mobilisieren.

Deswegen habe ich mit wenigen Ausnahmen sämtliche Facebookgruppen und Onlinecommunities zu diesen Themen wieder verlassen. Denn tiefgründigen Austausch, Lösungsansätze und ein motivierendes Wir-Gefühl suchte ich dort vergebens.

Was mir stattdessen hilft?
Zum einen: Blogs von Menschen, von denen ich lernen kann. Die einen Weg gegangen sind, der mich inspiriert und die in ihren Texten mit einer offenen und ehrlichen Tiefe von dem Leben mit einer psychischen Erkrankung erzählen. Die zeigen, das genau das geht: damit LEBEN.
Z.B. Bei Mischa von Adios Angst, Bonjour Leben oder bei Herrn Bock finde ich diese Texte.
Zum anderen: Menschen, die mir aufgrund meines Blogs schreiben. Mit denen ich mich in persönlichen Mails austausche, für die sich beide Beteiligten die Zeit und die Ruhe nehmen um individuell und tief auf die Situation des Gegenüber einzugehen.

Ich möchte mich sowohl im echten Leben als auch virtuell ausschließlich mit Menschen umgeben, von denen ich gute Vibes bekomme, Kraft, Inspiration, ja, und ab und zu auch mal einen gehörigen Arschtritt, damit ich nicht aufgebe. Im Gegenzug gebe ich selbiges auch gern zurück.

Diese Symbiose fad ich leider nie in den einschlägigen Facebookgruppen. Die meisten sind leider mit sehr viel Vorsicht zu genießen.
Schade. Aber es gibt ja noch andere Wege.

2 Comments

  1. Hallo Danny, danke für diesen guten Artikel. Mir hat bisher am besten eine Selbsthilfegruppe mir realen Menschen geholfen. Wir treffen uns 2x im Monat und reden über unsere Erfahrungen. Das hat mir bisher immer sehr gut getan, egal ob ich ganz unten oder auch mal gut drauf war. Auch das Gefühl, anderen helfen zu können, ist großartig.

    LG, Axel

    • Hi Axel,
      Super, dass Du eine solche Selbsthilfegruppe gefunden hast. Dort existieren sicherlich all die Dinge, die man in einer Onlinecommunity leider niemals wirklich aufbauen kann. Ich wünsch Dir viel Erfolg für Deinen Weg!

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