Diagnose: Depressionen – oder: Darüber kann man doch reden!

Diagnose: Depressionen

Diagnose: Depressionen – oder: Darüber kann man doch reden!
Von Neurotransmittern, Instagramaccounts und einfachen Antworten auf komplexe Fragen…

Gestern las ich einen Post auf bento, der von einer neuen Studie berichtete: Angeblich sei es schlauen Forschern gelungen, Depressionen anhand von Instagram-Fotos zu diagnostizieren.
Es gäbe da einen Zusammenhang zwischen dunklen, düsteren und kalten Farben und depressiven Erkrankungen. Auch wenige Likes oder Fotos die die Betroffenen alleine ohne Freund/in oder Partner/in zeigen, lassen auf eine psychische Erkrankung schließen. Es wurde sogar eine Software entwickelt, um anhand all dieser Kriterien einen kompletten Instagramfeed auszuwerten und eine Diagnose zu stellen.

Und ich musste mich wirklich zwingen, diesen klischeebeladenen Blödsinn bis zum Ende durchzulesen um mich dann kopfschüttelnd zu fragen, welcher Chefredakteur einen solchen Unfug zur Veröffentlichung durchwinkt.
Ich ärgerte mich enorm über diesen Artikel. Über die Tatsache, dass dort scheinbar Menschen an einer Krankheit forschen, von deren stiller Vielschichtigkeit sie augenscheinlich keine Ahnung haben.
Doch dann wurde ich nachdenklich. Denn irgendwie passt genau dieses Forschungsverhalten in den Rest des Bildes:

Wir wollen einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Andere Wissenschaftler wiederum forschen nach Methoden, psychische Befindlichkeiten auf der körperlichen Ebene nachzuweisen: Serotonin- und Tryptophan- und Blutwerte sollen als Indikatoren dienen um die unsichtbaren seelischen Krankheiten endlich im Reagenzglas sichtbar werden zu lassen.

Neurochemie ist nichts für Einfaltspinsel, das sind schlaue und gebildete Menschen, die dort in den Laboren forschen um herauszufinden, warum bei manchen Zeitgenossen die Seele mit jedem Tag ein bisschen dunkler wird.

Die menschliche Psyche – nach wie vor ein un(be)greifliches Ding, das selbst die Vorstellung der schlauesten Köpfen übersteigt. Ihre Existenz ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt und dass sie auch krank werden kann leugnen heute auch nur noch die wenigsten. Der Zusammenhang zwischen seelischem und körperlichem Wohlbefinden ist nicht mehr von der Hand zu weisen.
Aber so richtig verstehen können wir all das nicht. Und viel Zeit haben wir dafür auch nicht. Es muss ja schnell gehen. Auch in der Heilung und Forschung. Ärzte haben ja nun auch nicht ewig für jeden Patienten.
Deswegen versuchen wir die komplexen und vielschichtigen Vorgänge der menschlichen Psyche und die Diagnose und Behandlung der Erkrankungen durch für uns schnell greifbare Dinge erklärbar zu machen:
Biochemie. Neurotransmitter. Instagrambilder. Klicks und Likes. Zumindest letzteres begreift ja irgendwie jeder.

Versteht mich nicht falsch. Ich finde es großartig, dass sich die Forschung mit psychischen Krankheiten auseinandersetzt. Dass wir wissen wollen, was in unseren Hirnen und Herzen passiert, wie sie klopfen und ticken. Dass wir neugierig sind auf Muster und Strukturen, die dafür sorgen, dass wir uns und andere besser verstehen. Das finde ich gut und wichtig.

Aber:

Ich befürchte, dass wir bei all der Forschung so langsam den Boden unter den Füßen und den Bezug zur Realität verlieren.

Denn wir reden hier von einer Krankheit, die im schlimmsten Fall dafür sorgt, dass sich ein Mensch vor einen Zug stellt (oder sich auf eine andere Art und Weise seiner Wahl dazu entschließt, dieses Leben zu verlassen).
Dieses drastische Verhalten, dass die Grundlage jeglichen Lebens – nämlich den Selbsterhaltungstrieb – komplett aushebelt, soll mir kein Wissenschaftler mit zu geringen Serotoninwerten erklären oder aufgrund der Anzahl der verwendeten Inkwell-Filter vorhersagen.
Das ist zu einfach und zu oberflächlich für einen derartigen seelischen Abgrund.

Depressionen und andere psychische Erkrankungen lassen sich leider nicht immer auf den minimalsten Faktor zusammenzuprügeln, der gerade mal so eben in unser sachlich geprägtes Verständnis und unsere knapp bemessene Zeit passt.

Wir müssen aufhören, diese Krankheit wie einen Lifestyle zu behandeln, den man anhand von Klamotten, Musikgeschmack oder Social-Media-Verhalten ablesen kann oder zu denken, es handle sich um eine Art Infekt, der mit ein paar Tabletten wieder in den Griff zu kriegen wäre.

Wenn wir Depressionen verstehen, diagnostizieren und behandeln wollen, brauchen wir mehr als Social-Media-Analyse-Software und Reagenzgläser, die von weißbekittelten Laboranten schüttelnd gegen das Licht gehalten werden.

Wir brauchen viel mehr: Wir brauchen Achtsamkeit im Umgang miteinander. Nachsichtigkeit mit der Schwäche und der Emotionalität des Gegenübers. Wir brauchen das Zu- und Eingeständnis unserer eigenen Verletzlichkeit und unserer Bedürfnisse. Klingt mal wieder voll hippie. Ist aber so.

Wir müssen endlich aufhören, über Gefühle zu reden als seien sie ein hässlicher Ausschlag oder eine Achillesferse, die uns angreifbar, unprofessionell oder gar lächerlich erscheinen lässt.
Für jeden von uns sollte es möglich sein, sich einmal am Tag hinzusetzen, die Augen zu schließen um erst sich selbst und dann anderen Fragen zu stellen:
„Wie fühle ich mich? Geht es mir gut? Bin ich glücklich, verdammt?“

Und wenn die Frage „Wie geht es Dir?“ endlich nicht mehr als rhetorischer Smalltalk verstanden werden muss sondern als ehrliches Interesse am Gegenüber, dann brauchen wir Emotionen auch nicht mehr mit komplizierten Algorithmen aus der Bling-Bling-Fassade eines Instagramfeeds zu dechiffrieren.

Die beste Diagnose: Drüber reden!

Auch wenn so manche Depression den Betroffenen und Außenstehenden verschachtelt und diffus erscheinen mag, diagnostiziert und behandelt man sie doch eigentlich auf eine ganz simple Weise: indem der eine spricht und der andere zuhört. Oder wie Torsten Sträter es treffend sagt: „Darüber kann man doch reden!“
It’s easy as that.

Okay, das kostet Zeit. Und Einfühlungsvermögen. Und man muss dabei mal das Handy mit dem Social-Media-Feed weglegen. Vielleicht auch mal ein bisschen das Herz aufmachen, eine Hand festhalten oder eine Träne wegwischen.

Oder ist genau das für uns so schwer geworden?

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