Depressionen? Trotzdem.

Depressionen? Trotzdem.

Depressionen? Trotzdem.
Über gesprächige Krankheiten, mächtige Worte und das bockige innere Kind.

Die Depression ist eine sehr unfreundliche Krankheit, aber man kann ihr nicht unterstellen, dass sie nicht gesprächig wäre. Sie ist nämlich sehr gesprächig und sie redet pausenlos und den ganzen Tag. Leider redet sie einen Haufen dummes Zeug.

Meine Depressionen sind sehr redselig. Bis heute. Wenn sie da ist, erzählt sie mir gerne von all den Dingen, die ich angeblich nicht kann.

Sie sagt mir, ich könne nicht aufstehen. Ich hätte keine Kraft. Keinen Willen. Und oft genug bin ich dann einfach im Bett liegen geblieben. Lange. Sehr lange. Zu lange.

Sie sagt mir, dass mein Leben ein Totalschaden wäre. Dass es keine Möglichkeiten mehr gib, Neues zu beginnen, da zu viel Altes einfach schon verkorkst ist. Dass alles sinnlos ist und die schönen Dinge im Leben niemals für mich sein werden. Oft glaubte ich ihr. Und dann dachte ich an Schienen. An Tabletten. An ein Hausdach. Ja.

Sie sagte mir, dass ich zu schwach, zu schlecht und zu undiszipliniert wäre, um mir eine neue berufliche Perspektive zu suchen. Um auszusteigen aus einem Job, der mich zermürbte, traurig machte, mir kaum noch Zeit für mein Leben ließ. Also setzte ich mich – jeden Tag ein kleines bisschen kleiner – in mein graues Büro, an meinen grauen Schreibtisch und quälte mich Woche für Woche durch eine Arbeitswelt, die mich ausbrennen ließ.

Immer noch sagt sie mir ständig, ich mache Fehler, zu viele Fehler, alles falsch. Sie erzählt mir, ich wäre klein. Unbedeutend. Wertlos. Sie macht mir Angst und schüchtert mich ein, lässt mich noch viel zu oft an allem und jedem zweifeln – und immer wieder schmerzhaft an mir selbst.

Und viel zu lange ließ ich Dinge, meine Wünsche, viele Träume einfach bleiben. Zu groß war die Angst zu versagen. Nicht gut genug zu sein.
Ich würde ja gerne. Arbeiten. Leben. Irgendwas mal wieder auf die Reihe kriegen. Verreisen. Gut gelaunt Selfies mit der besten Freundin im Arm schießen. Rausgehen. Spaß haben. So wie die anderen. Die können das. Aber ich kann nicht. Weil ich Depressionen habe. Und die sagen mir, dass das alles nicht geht.

Meine Depression wurde zu einer Begründung, zu der Wurzel allen Übels.
Sie wurde zum Leitmotiv meines Denken und Handelns. Ihre Omnipräsenz kotzte mich an.
Wenn ich etwas tat (ewig schlafen, nichts essen, im Supermarkt beim Einkaufen wegen einer Panikattacke durchdrehen), dann tat ich es wegen ihr.
Wenn ich etwas nicht konnte oder für etwas nicht die Kraft fand (Müll raustragen, zum Sport gehen, vor dem Nachmittag aus dem Bett aufstehen).
Wenn ich nachts aus dem Schlaf hochschreckte und voller Ängste, Sorgen und Selbstzweifel wieder nicht schlafen konnte.
Wenn ich mich nach einem endlosen Tag im Büro auf den Heimweg machte, alle Dämme nach einem langen Tag des Funktionierens brachen und ich meine Tränen in der U-Bahn wie Kotze runterschluckte um nicht wie ein Kleinkind loszuheulen – geschah das alles wegen ihr.

Alles geschah wegen ihr.

Zu begreifen, dass ich – ganz allein ich – es war, die ihr diese Macht übertrug, war einer der wichtigsten Schritte.
Jede Depression bekommt nur soviel Macht, wie man ihr selber zugesteht.

Ich beschloss, meiner Depression diese Macht zu entziehen und dabei wurde ein kleines Wort zu meiner mächtigen Waffe.

TROTZDEM.

Ja. Es gibt Tage, an denen ich morgens aufwache und sich der Tag, noch bevor er begonnen hat wie eine Bleiplatte auf meinen Körper und meine Seele legt. An dem ich noch unter der Bettdecke nicht weiß, wie ich es bis zum Abend schaffen soll. Woher die Kräfte kommen sollen. An denen ich nicht weiß, welchen Unterschied es macht, ob ich hier bin oder nicht. An denen ich mich so unendlich leer und ausgebrannt fühle, dass ich einfach wieder einschlafen möchte um die Augen dann nie wieder aufzumachen.

Und dann stehe ich auf. TROTZDEM.

Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe, mein Körper wäre ein einziger unförmiger Klumpen, den ich weder mit Liebe noch mit Gewalt zur Bewegung bringen könnte. Draußen ist es grau, kalt und der Weltschmerz kriecht wie Gift durch meine Knochen. Ich wiege hunderttausend Kilo. Meine Gedanken wiegen hunderttausend Kilo. Die Welt wiegt hunderttausend Kilo und liegt auf mir.

Und dann gehe ich zum Sport. Zum Laufen. Zum Yoga. TROTZDEM.

Und ich habe Angst. Immer noch. Ich weiß, dass ich einkaufen sollte und schon der bloße Gedanken an die Auswahl im Supermarkt und an die Menschen dort überfordert mich. Ich habe manchmal Angst vor Menschen, vor Gesprächen, vor dem in-die-Augen-gucken.

Doch ich gehe raus. TROTZDEM.

Es kostet Kraft? TROTZDEM.
Es kostet Mut? TROTZDEM.
Es erscheint nicht möglich? TROTZDEM.
Die Leute reden? Die Leute gucken? Ich mach vielleicht alles falsch? Das hat noch nie funktioniert? Ich bin nicht gut genug? Ich werde scheitern? Ich werde sterben? Niemanden interessiert, was ich auf meinem gottverdammten Blog schreibe? TROTZDEM.Immer wieder TROTZDEM.

Manchmal merke ich, dass ich mit zuviel TROTZDEM meine Grenzen überschreite. Dass ich mir Dinge zumute, die ich (noch) nicht kann, die zuviel sind. Dass ich mehr abgebissen habe, als ich herunterschlucken kann. Dann kommt die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit. Und das Durchatmen. Denn dann ist es okay, wieder einen Schritt zurückzugehen. Und diese Entscheidung des Zurückgehens treffe ich – und nicht meine Depression.

TROTZDEM ist mein Außenbordmotor gegen eine Gegenstromanlage.
TROTZDEM ist mein bockiges inneres, Kind, dass mit vorgeschobener Unterlippe unmissverständlich klarmacht, wer hier wirklich den Ton angibt.
TROTZDEM lässt Erfolgserlebnisse entstehen , die mich voranbringen. Mit denen ich meinen depressiven Gedanken den Nährboden entziehe. Die mich stärker machen gegen eine Krankheit, die mir permanent versucht zu erzählen, wie schwach ich wäre. TROTZDEM ist ein Schlag in ihr Gesicht. Ein klar formuliertes „Halt die Klappe!“

Das ist nicht leicht. Aber ich mache es. Jeden Tag. TROTZDEM.

2 Comments

  1. Hallo Danny,
    Ich erkenne mich in deinem Blogpost ziemlich gut selbst. Allerdings habe ich das Gefühl, dass du weiter bist als ich. Deshalb erstmal Danke und viel Mut und Kraft, TROTZDEM weiter zu machen.
    GLG, Axel

    • Hallo Axel, danke für Deine Worte. An manchen Tagen fällt es leichter mit dem TROTZDEM. An manchen schwerer. Wichtig ist, nicht aufzugeben.

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